Ergebnispräsentation - Schulbauten

Oberesslingens Schulbauten

„Daß Schulhauß hat auch zwey Stuben, Eine Küche, und zway Cammern, auch Stallung und Scheuren. Eine Futterbühne, und Einen Keller underm Hauß, sambt ungevahr Einem Achtel Kuchin Gartten darbey“
Auszug aus dem Oberesslinger Lagerbuch, 1701 (StAE, GA OE 766) 

Eine Schule wird in Oberesslingen erstmals 1577 mit Hans Knepplin fassbar, als Herzog Ludwig seinen Oberesslinger Untertanen einen eigenen Schulmeister zur Unterrichtung der Kinder im Dorf gewährte. Als Schulhaus wurde von der Gemeinde 1589 das alte Mesnerhaus angekauft. Im November 1773 ist dieses Gebäude „abgebrochen und wiederum neu erbaut worden“.

Alte Schule

Altes Schulhaus, 2010

Das Schulhaus von 1773. Es war ein zweigeschossiger verputzter Fachwerkbau mit großem Halbwalmdach und damit typisch für barockzeitliche Schulbauten. Die Schulstube lag im Erdgeschoss, im Obergeschoss befand sich die Lehrerwohnung. Unter dem Haus befand sich ein kleiner Gewölbekeller, der eventuell noch vom Vorgängerbau stammte.

Altes Schulhaus, März 2019

Äußerlich zeigte das Haus eine für offizielle Bauten auf dem Land im Herzogtum Württemberg charakteristische Form. So hoben sich die öffentlichen und amtlichen Gebäude in stattlicher Kubatur und mit Halbwalmdächern deutlich von den umgebenden Bauernhäusern mit ihren Satteldächern ab.
1838 hat man das Schulhaus um einen großen Klassenraum erweitert, er schloss sich südlich an den alten Bau an.

Pläne für die Verwendung als BDM-Heim, 1937

Nach Aufgabe als Schule fand es u.a. 1937 Verwendung als Heim für den nationalsozialistischen Bund Deutscher Mädel (BDM), 1939 wurde ein Kriegskindergarten eingerichtet und dazu ein Luftschutzkeller eingebaut. 1945-1959 beherbergte es den ev. Kindergarten und wurde schließlich 1961/62 zum Jugendhaus eingerichtet. Als solches diente es lange. Noch 1988/89 kam es zu einer Komplettsanierung.

Grundriss für Umbauplanung, 1939

Grundriss des Alten Schulhauses mit Umbauplanung zum Kriegskindergarten, 1939.

Abrissgelände, Oktober 2019

Das ortsbildprägende Haus stand bis 2019 in der Keplerstraße. Es wurde ohne jede wissenschaftliche Baudokumentation abgebrochen. Zurück blieb eine Leerstelle im historischen Ortsbild Oberesslingens.

Neue Schule

Bauzeichnung des Gebäudes Keplerstraße 35, 1889

Mit der Industrialisierung kam es zum Wachstum der Bevölkerung. Das alte Schulhaus war bald zu klein. 1889 wurde ein Neubau errichtet. Er steht in der Keplerstraße 35. Wer das Haus von außen betrachtet, wird kaum auf die Idee kommen, dass es sich um ein gründerzeitliches Gebäude handelt, so sehr hat man es durch den Umbau zum Kindergarten in den 1970er-Jahren verändert.

Grundriss der Lehrerwohnung, 1889

Der Neubau von 1889 umfasste einen großen Gewölbekeller, im Erdgeschoss die Schulzimmer und im Obergeschoss die Lehrerwohnung.

Herderschule

Postkarte mit Ansicht der Herderschule, um 1910

Ab etwa dem Jahr 1900 wuchs die Bevölkerung Oberesslingens stark an. Ein Teilgrund dafür war die Errichtung der Königlichen Zentralwerkstätte für Eisenbahnen, des späteren Reichsbahn-Ausbesserungswerks, das neue Bürger in die Gemeinde lockte. Und so war nach nicht einmal zwei Jahrzehnten der Schulbau von 1889 bereits zu klein. Dementsprechend wurde kurzerhand ein drittes Schulhaus gebaut, dessen erster Bauabschnitt 1905, der zweite 1909 eingeweiht wurde. 1936/37 wurde der dritte Bauabschnitt fertiggestellt und die Schule als Hans-Schemm-Schule (neuerlich) eingeweiht.
Die Abbildung zeigt den Blick entlang der Schorndorfer Straße (ca. 1910); rechts die spätere Herderschule, von der bereits die ersten beiden Bauabschnitte stehen, jedoch nur der erste wirklich zu sehen ist. Nachkolorierte Schwarz-weiß-Aufnahme.

Zeitungsartikel vom 22.11.1905 zur Einweihung der Herderschule

Zu sehen ist der Artikel, mit dem die EZ am 22.11.1905 von der Einweihung der neuen Oberesslinger Schule berichtete. Schon vier Jahre später wurde jedoch mit Fertigstellung des zweiten Bauabschnitts wiederum eine Einweihungsfeier begangen

Bauplan für die Erweiterung

Die Abbildung zeigt die ersten beiden Baubschnitte der späteren Herderschule, links der gestrichelten Linie den ersten, rechts den zweiten.

Honoratorien, teilweise in Uniform. bei der Eröffnung der Hans-Schemm-Schule. In der Mitte, die Mutter.

Das Bild zeigt das Publikum der Einweihungsfeierlichkeiten 1937; die Mutter Hans Schemms sitzt dabei als Ehrengast inmitten lokaler NS-Größen. Schemm (1891–1935) war Gründer des NS-Lehrerbundes und Gauleiter von Oberfranken gewesen, laut dem Esslinger Oberbürgermeister Dr. Klaiber, der die Rede zur Einweihung hielt, ein „bis zum letzten Atemzug treuer Gefolgsmann Adolf Hitlers“. NS-Ideologie dominierte auch die Einweihungsfeier. Der Schulamtsbezirkssprecher, Schulrat Schmidt, betonte etwa, dass die neue Schule zur „schrankenlosen Hingabe an den Führer und sein Werk“ auffordere, „so oft wir die Büste Hans Schemms beim Eintritt in das neue Schulgebäude begrüßen“.
Teil des dritten Bauabschnitts waren die (zunächst eher nur ‚hinter vorgehaltener Hand‘) als Luftschutzkeller geplanten Strukturen, die heute noch gut erkennbar sind. Daran zeigen sich die von langer Hand getroffenen Kriegsvorbereitungen des NS-Staates bis hinein nach Oberesslingen. Architektonisch betrachtet hatte die Schule damit ihr heutiges Gesicht erhalten.

Lehrerratsprotokoll vom 30.06.1937

Nicht nur der Name der Hans-Schemm-Schule und der Luftschutzkeller zeugten in den Jahren des Nationalsozialismus von der Ausrichtung auch der Oberesslinger Schule auf das neue, menschenverachtende System. Auch die Protokolle des Lehrerrats seit 1937, die im Stadtarchiv Esslingen aufbewahrt werden, zeugen vielfach von NS-Indoktrination, Kriegsvorbereitungen und später Kriegsauswirkungen. So ist bereits im auszugsweise abgebildeten Protokoll vom 30.6.1937 die Rede von Luftschutzausbildungseinheiten für den Lehrkörper, ebenso von Modalitäten für eine Aufnahme von Lehrern in die NSDAP. Und generell kamen Weisungen von höherer Stelle, die direkt NS-Ideologie in den Alltag transportieren sollten – so etwa Bücherverbote oder Lehrplanänderungen im Sinne der Nationalsozialisten – immer wieder direkt in Oberesslingen an und wurden im Lehrerrat verkündet.

Lehrerratsprotokoll vom 03.02.1942

Die Abbildung zeigt mit dem Eintrag vom 3.2.1942, wie der Krieg immer mehr in der Schule ankam: „Durch Einberufung weiterer Lehrkräfte des Kreises wurden dringend einige Lehrer benötigt, sodaß die Hans-Schemm-Schule eine Lehrkraft verliert.“ Auch der Sportunterricht war betroffen, indem dort „Kommandosprache“ eingeführt wurde.

Lehrerratsprotokoll vom 28.01.1943

Dieser Eintrag vom 28.1.1943 ist besonders deutlich. Eine teilweise Umschrift:
„Rektor Kost gedenkt zu Beginn der Sitzung unserer unvergleichlichen Stalingradkämpfer sowie der 10jährigen Machtübernahme durch unseren Führer. Sämtliche Klassen singen als Wochenlied ‚Siehst Du im Osten‘ [Anm.: extrem militantes und hasserfülltes NS-Propagandalied von 1931] und lernen als Wochenspruch das Führerwort: ‚Im Kampf haben wir einst das deutsche Reich erobert, und im Kampf werden wir es erhalten und bewahren!‘. Der Schulleiter berichtet von der Tagung der Schulräte, Leiter der A. G. und Schulvorstände Esslingens im Beisein von Herrn Ministerpräsident Mergenthaler, welcher von den Schulen eine weltanschaulich klare Haltung fordert. Jeder Lehrer soll Propagandist der nationalsozialistischen Bewegung sein.“

Lehrrerratsprotokoll vom 18.02.1943. Der nächste Eintrag stammt vom 10. Dezember 1945

Der Eintrag vom 18.2.1943 ist bereits sehr knapp gehalten; er deutet die Notstandsbeschulung damit indirekt an und ist dementsprechend auch der letzte Eintrag während des Krieges. Zentrale Themen der Sitzung waren u.a. „Luftschutz und Lehrerschaft“ sowie „weltansch. [d.h. weltanschaulicher] Unterricht“.
Der erste Nachkriegseintrag vom 10.12.1945 direkt darunter reflektiert in keiner Weise Nationalsozialismus und Krieg oder die Rolle der eigenen Schule darin; stattdessen ist einleitendes und Hauptthema des Textes die Planung der Weihnachtsfeier.

Genehmigung zur Namensänderung durch das Kultministeriums, 1945

Sehr schnell nach Kriegsende, am 22.11.1945, wurde die Hans-Schemm-Schule dann zur Herderschule umbenannt und bekam damit auch ihren heutigen Namen. Seitdem hat sich die Schule – insbesondere durch mehrere Festschriften zu Jubiläen – jedoch in vorbildlicher Weise um eine Aufarbeitung der eigenen Geschichte bemüht. Die Abbildung zeigt die Genehmigung der Namensänderung von Hans-Schemm-Schule in Herderschule seitens des (damals sogenannten) Kultministeriums.

Abbildungen: Mario Augustin, Christian Ottersbach, Stadtarchiv Esslingen, Baurechtsamt der Stadt Esslingen am Neckar, Festschrift 100 Jahre Herderschule, 

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