Ergebnis Sirnau

Kindheit und Jugend in Sirnau von 1932 bis Heute

Ausstellungseinheit Sirnau, Foto: Daniela Wolf

Wenn man anderen Esslingern erzählt, dass man aus Sirnau kommt, fällt dem Gegenüber erst mal nichts dazu ein – vielleicht noch das Hofgut, Standort eines ehemaligen Kloster der Dominikanerinnen aus dem Jahr 1241.

Unsere Arbeitsgruppe gibt Ihnen die Gelegenheit, uns und unserer Siedlung näher zu kommen. Wir stellen Ihnen die Entwicklung des Stadtteils und des familiären Lebens ab Gründung der Erwerbslosensiedlung 1932 bis heute dar. Hierfür untergliedern wir den Zeitraum in 4 »Epochen«. Anhand von Daten, Fakten und Erinnerungen veranschaulichen wir den Werdegang des kleinsten Esslinger Stadtteils und wie sich das tägliche Leben verändert hat.

Wir haben während der Arbeit an dem Projekt viel über unseren Stadtteil erfahren und lassen Sie gerne an unseren Erkenntnissen teilhaben. Eine unterhaltsame Lektüre wünschen Ihnen die »Stadtgefährten«:

Petra Thiebes, Karl Langpeter, Susann Knauer, Willi Neubauer, Gabi Tittel, Ursula Frantz

Wir danken allen Sirnauern/-innen, die sich zu »Interviews« bereit erklärt haben.

Sicht auf die neu erbaute Siedlung Sirnau

1932-1948 Sirnau aus der Not geboren

1929

ging die Gemarkung des Sirnauer Hofs nach zähen Verhandlungen von Deizisau, zu dem das Gelände von 1803 bis 1928 gehörte, an die Stadt Esslingen über. Als das Land Württemberg Fördergelder für vorstädtische Kleinsiedlungen und Erwerbslosengärten bereitstellte, entfielen auf Esslingen ca. 60.000–70.000 Reichsmark (RM). Dies reichte für ca. 20–25 Siedlerstellen.

1931

erschien am 2. Dezember eine Bekanntmachung in der Eßlinger Zeitung. Daraufhin meldeten sich 56 Bewerber – angesichts der hohen Arbeitslosenzahlen eine überschaubare Menge. Es gab vier mögliche Standorte. Dass die Siedlung in Sirnau entstehen sollte, wurde vom Gemeinderat einen Tag nach Bewerbungsschluss, am 16. Dezember, entschieden. Gleichzeitig legte er die Rahmenbedingungen fest.

Plan mit Grundrissen für die Siedlungshäuser in Sirnau

Diese waren mitunter:− eine Siedlerstelle hat mindestens 600 m²− die Kosten pro Gebäude dürfen maximal 3000 RM betragen− die Gebäude sind in Eigenleistung zu erstellen, mindestens 500 Arbeitsstunden− die Häuser sind als Holzfachwerkbau zu erstellen; das Holz wird von der Stadtverbilligt zur Verfügung gestellt.− die Grundstücke werden im Erbbaurecht mit einer Laufzeit von 60 Jahren vergeben

Frau bei Arbeiten zum Ausheben eines Kellers

1932

begannen im Februar die Bauarbeiten: In Handarbeit wurden Keller ausgehoben, Beton gemischt, Straßen gebaut ... Die Häuser wurden von allen zusammen errichtet – wer welches Haus bekommen sollte , wurde nach Fertigstellung im Losverfahren entschieden. So lernten sich die Männer während der Bauphase schon sehr gut kennen und auch die Frauen, die mit oder ohne Kinder mittags lange Fußmärsche auf sich nahmen, um den
Männern das bescheidene Essen zu bringen.

Eingangssituation der Ausstellung 1932 mit Fahnen und Hinweisschild

Nach Fertigstellung der ersten 12 Doppelhäuser gab es vom 1. bis 17. Juli 1932 eine »Ausstellung Stadtrandsiedlung«, bei der zwei Häuser, von Esslinger Firmen vollständig eingerichtet, besichtigt werden konnten. Es kamen bei einem Eintrittspreis von 20 Reichspfennig 6.500 Besucher.

Umzugswagen mit zwei Pferden bringt Möbel

Einen Monat später waren bereits die nächsten 13 Doppelhäuser fertig; danach wurden im August die ersten privaten Baugesuche genehmigt, so dass bis 1937 weitere 13 Doppelhäuser und 61 Einfamilienhäuser in Sirnau entstanden. Beim Ausschachten eines Kellers im Elsterweg 6 wurden Alemannengräber gefunden. Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass es mit dem Alemannenweg einen einzigen Weg in Sirnau gibt, der nicht nach einem Vogel benannt ist.

Konsum von außen

1932/1933

Im Dezember 1932 eröffnete die erste Konsum-Filiale im Finkenweg. Dessen Anbau mit zwei Waschküchen musste bereits 1937 einem Umbau weichen, damit der Laden vergrößert werden konnte. Um Milch direkt vom Erzeuger zu kaufen, gingen die größeren Schulkinder abends zusammen nach Berkheim. Der Teig für eigene Backwaren musste mit dem Handkarren nach Oberesslingen zum Bäcker gebracht werden, bis dies 1935 ein Bäcker unter den Siedlern übernehmen konnte.

Kindergartengruppe mit Schwester Bethe

1934

wurde der Kindergarten im Finkenweg fertig gestellt. Für die Betreuung gab es eine einzige Kinderschwester – Schwester Bethe. Das Gebäude wurde auch für Bibelstunden genutzt. Zur Schule mussten die Kinder zur Herderschule nach Oberesslingen laufen. Die Raumnot dort führte zu Schichtbetrieb, so dass die jüngsten Schüler teilweise bei Dunkelheit auf unbeleuchteten Wegen nach Hause laufen mussten.

das alte Siedlerheim, im vordergrund Sportler

1936-1948

der »Siedlerbund« zur gemeinschaftlichen Beschaffung von Gartenbedarf wie Torfmull und Spritzmittel aber auch zur Organisation von Veranstaltungen wurde gegründet (1936). Die Sirnauer wurden aufgefordert, 16 Mann als Löschtrupp zu stellen (1940). Die Straßen sind allerdings so schlecht, dass schwere Fahrzeuge nur über Altbach und Deizisau für Einsätze nach Sirnau kommen können.

geschmücktes Feuerwehrfahrzeug der Feuerwehr in Sirnau, 1930er Jahre

1949-1970 Aufbruch, Aufschwung, Wirtschaftswunder

1949

beschloss die Stadt Esslingen, in Sirnau ein Schulhaus zu bauen, die Siedlung nach Süden zu erweitern und Baulücken zu schließen (bis 1952). Baubeginn der ersten Häuser im Eulenweg war bereits im Oktober. Es entstanden weitere 67 Häuser. Mit den Bewohnern des Lagers »Metzgerwiese« lebten damit 1400 Einwohner in Sirnau. (Stand 2018: 834). Ein Metzger übernahm den Bäckerladen bis 1956.

1950/51

das Schulhaus für die unteren 3 Jahrgänge ging »in Betrieb« (1950). Eine Erweiterung erfolgte bereits 1957 für den 4. Jahrgang. Dadurch gab es nun zwei Klassen und zwei Lehrer. Im selben Jahr wurde endlich eine Omnibuslinie nach Esslingen eingerichtet und im Meisenweg eröffnete ein Lebensmittelgeschäft. Ein Bäcker erstellte das größte Haus Sirnaus im Lerchenweg.

Sackhüpfen beim Kinderfest

1952-1958

1952 wurde an den Kindergarten eine evangelische Kirche angebaut. Die katholische Kirche folgte 1958 mit einem Ferienheim für 70–80 Kinder im Sockelgeschoss. Im Dezember 1952 wurde die »Neckartalstraße« B10 auf dem Damm bei Sirnau als zweispurige Straße eröffnet, um die Ortsdurchfahrten von Esslingen, Zell, Altbach und Plochingen vom Verkehr zu entlasten. Die Sportgemeinschaft Sirnau wird ebenfalls 1952 ein eingetragener Verein, 1956 folgt die Gründung des Kleintierzuchtvereins. Es werden zahlreiche Kinder-Festumzüge zu wechselnden Themen veranstaltet.

1962

wurde der vierspurige Ausbau der B10 geplant, in dessen Folge der Neckar begradigt werden musste, um Platz zu schaffen. Als Umgehungsstraße für diese Baumaßnahme wurde die heutige K 1215 gebaut – die ursprüngliche Idee einer Straßenführung mitten durch die Siedlung konnte vom Bürgerausschuss verhindert werden.

1967

wurde die »Sirnauer Röhre« unter dem Neckarkanal rechtzeitig vor dessen Flutung eingeweiht. Ursprünglich sollte durch den Ausbau der Schifffahrt bis Plochingen der Fußweg zum Bahnhof und den Arbeitsplätzen in Oberesslingen wegfallen. Der Bürgerausschuss erkämpfte daher eine neue Verbindung nach Oberesslingen, welche unter der B10 und dem Neckarkanal durchführt.

1969

wurde im September zur dringenden Instandsetzung und Neuausstattung des Sirnauer Kindergartens ein »Großer Sirnau-Tag« von beiden Kirchen und allen Sirnauer Organisationen und Vereinen auf die Beine gestellt, welcher von ganz Esslingen als Beispiel hervorragender Bürgerinitiative gewürdigt wurde. Im selben Jahr schloss der Konsum – die Bevölkerung ist
zunehmend motorisiert und nutzt die Großmärkte in der Umgebung.

1970

gab es im März Pläne, aus Sirnau ein reines Gewerbe- und Industriegebiet zu machen. Die Sirnauer kämpfen in den folgenden Jahren dagegen an. Die entscheidende Gemeindratssitzung fand erst 1973 statt: »Der Stadtteil Sirnau bleibt als Wohngebiet erhalten«. Es wurde in Aussicht gestellt, einen Bebauungsplan und neue Erbbaurechtsverträge mit angemessenen Bedingungen zu erarbeiten. Sirnau sollte modernisiert und erweitert werden – dies geht aber nur mit einem neuen Bebauungsplan, der wiederum von der Errichtung einer Lärmschutzwand abhing. Wieder war unklar, wie es weitergehen soll und bis die Lärmschutzwand 1981 beschlossen war, sind viele der 2. Generation weggezogen.

1970-2000 Kampf um Sirnau

1971/72

wurde das in Eigenleistung errichteten Sportheim eingeweiht (1971). Die Sirnauer Schüler mussten seit 1972 mit dem Schulbus nach Oberesslingen in die Herderschule, dann ab ca. Mitte der 1990er Jahre nach Zell. Der Bäcker im Lerchenweg schloss seinen Betrieb.

1975

begann mit der Eröffnung der »METRO« der Ausbau des Industriegebietes Sirnau. Da hierfür eine gute ausgestattete Feuerwache erforderlich war, erstellte die Feuerwehr in Sirnau mit viel Eigenleistung ein neues Feuerwehrhaus. Es entstand auf dem ehemaligen Graben ein Fußweg mit Grünzone durch ganz Sirnau.

1987

zog der ev. Kindergarten in das neue Gebäude im Finkenweg um. Der alte Kindergarten an der Kirche wurde 1989 abgebrochen und durch ein Gemeindehaus ersetzt. Im alten Schulhaus erhielt ein Waldorf-Kindergarten Einzug.

1989-1995

1989 plante der Landkreis Esslingen, eine Müllverbrennungsanlage im Industriegebiet zu bauen. Der Bürgerausschuss Sirnau war Mitglied im Initiativkreis gegen diese Pläne. Am 20. September 1992 fand im Hofgut Sirnau eine Kundgebung mit Sternfahrt statt, zu der ca. 6.000 Menschen aus dem ganzen Landkreis kamen. Im September 1995 beschloss der Kreistag, diese Anlage nicht zu bauen, da die Müllmengen drastisch zurückgegangen waren.

Demonstrationszug gegen die Müllverbrennungsanlage

1995/96

fusionierte der Sportverein SG Sirnau mit der Eintracht Esslingen zur SG Eintracht Sirnau (1995); es entstand ein Areal mit zwei Fußballfeldern und zwei Vereinsheimen sowie einem Hartplatz. Im folgenden Jahr wurde das erste Mal in Sirnau ein Maibaum gestellt, diese Veranstaltung wird bis heute mit großem Erfolg weitergeführt. Im Finkenweg von der katholischen Michaelskirche bis zur Kreuzung Dieter-Roser-Brücke wurde durch Spenden
von Sirnauerinnen und Sirnauern eine Lindenallee errichtet.

2001 bis heute Leben in Frieden und Wohlstand

2007

wurde ein Basketballspielfeld mit Hütte für die Jugendlichen errichtet, die Kinder erhielten
einen Spielplatz auf dem »Bunker«- vor der Gaststätte »Siedlerheim« des Siedlerbundes.

2008

entstand das Möbelhaus »Rieger«. Als Ausgleichsmaßnahme wurde später die einstmals historische Allee vom Hofgut Sirnau bis zur B10 wieder gepflanzt.

2009

wurde die nicht mehr dem technischen Stand entsprechende Lärmschutzwand erneuert. Möglich war dies durch den Bau des fehlenden Standstreifens der B10 durch Unterstützung von Karin Roth, damals Staatsekretärin im Verkehrsministerium.

2010

fand der erste und bisher auch einzige große Faschingsumzug in Sirnau statt. Im ehemaligen Schulhaus wurde nach dem Wegzug des Waldorfkindergartene die Kindertagesstätte Bussardweg eingerichtet.

Sirnau - Heute

Viele verschiedene Initiativen wie der Kinderzirkus Sirmenowe und das Sonntags-Café (2008–2015) gibt es leider nicht mehr, andere nur noch in Teilen, wie das jährliche Adventskranzbinden als Überbleibsel des »Treffpunkt Sirnau«.Es bleiben noch die Ösch-Prozession der katholischen Kirche an Fronleichnam, das Maibaumstellen (2020 zum 25. Mal!), die Spieleabende in der katholischen Kirche, das Adventssingen und als Höhepunkt »Weihnachten auf dem Hofgut«, das alle zwei Jahre große Teile der Bevölkerung zum Jahresausklang am Feuerkorb zusammenführt.

Sirnau - Morgen

Auch wenn sich Sirnau von einer Idylle zwischen Neckarufer, Wiesen und Wald zu einer »Verkehrsinsel « zwischen B10 und K 1215 entwickelt hat, möchten sich viele, die hier aufgewachsen sind, wieder hier niederlassen. Sirnau profitiert von einem hohen Naherholungswert durch die Sportplätze, den Tierpark Nymphea, die Eisbahn, dem Schwimmsportverein und zahlreichen Gaststätten auf der zu Sirnau gehörenden Neckarinsel.
Damit Sirnau attraktiv bleibt wünschen wir uns:

− bessere Busverbindungen, damit die Kinder auch am Wochenende ohne Elterntaxi zu Ihren Schulfreunden nach Zell können bzw. einen kleinen Shuttle-Bus. Auch die älteren Sirnauerinnen und Sirnauer wünschen sich das.
− einen Raum als Treffpunkt für die Jugendlichen und als Treffpunkt für alle anderen (da es keinen Laden gibt, fehlt ein kommunikatives Zentrum).
− eine Einkaufsmöglichkeit
− die Erhaltung der verbliebenen Grünflächen

Abbildungen: Stadtarchiv Esslingen, Privatbesitz

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